Technologie passiert nicht einfach so
2019-10-23, 11:00–13:00, Saal 2

Wer gestaltet Technologie? Warum bauen Firmen aufdringliche Geräte und Dienste? Wer berät Politik so eigenartig? Was ist denn jetzt gesellschaftlicher Konsens? Und was hat das mit mir zu tun?

Darüber möchten wir mit Euch diskutieren!


Zuletzt fand mit der Kontroverse rund um das amerikanische E-Mail-Start-Up "Superhuman" (1) einmal mehr ein in Technologie gegossener Wertekonflikt seinen Weg in den Netzkulturdiskurs. Ethische Bedenken werden von den Verantwortlichen zurückgewiesen. Dabei hat die Firma ihre "ethische Trajektorie" (2) selbst gewählt, zu dieser Art von Unternehmen mit dieser Art von Produkten zu werden. Denn Technologie passiert nicht einfach so. Wir alle gestalten die Rahmenbedingungen auf Grundlage unserer Werte mit, innerhalb derer sie entsteht: Im Design und in der Nutzung genauso wie auf gesellschaftlicher und politischer Ebene.

Wir möchten in diesem Workshop über diese Verhandlungsräume rund um bestehende und innovative Technologien diskutieren und sind interessiert an Euren Meinungen und eigenen Erfahrungen als Betroffene, aber auch als Gestalter_Innen von technologiegeprägten Realitäten. Wir sehen in den Fragen nach "ethical trajectories", wie sie entstehen und wie sie bewusst, partizipativ und mit einem kritischen Blick auf ein "Gemeinwohl" geschaffen werden können, zentrale Herausforderungen im heutigen Umgang mit technologischer Innovation, und möchten über Wege nachdenken, wie die Gesellschaft im Ganzen, aber auch Akteur_Innen im Einzelnen, aus einer reagierenden, hinnehmenden Position hin zu einer aktiv gestaltenden, formenden gelangen können.


Fußnoten:

(1) Vor dem Hintergrund eines augenscheinlich klassischen Start-Up-Gedankens - ein "großartiger" neuer E-Mail-Client soll rund um das Thema E-Mail endlich alles richtig und noch besser machen - bekommen Nutzer_Innen auch Problematisches geliefert: "Superhuman" platziert Tracking-Pixel standardmäßig in alle darüber versandten E-Mails und will damit die Information, wie oft, wann und wo (!) E-Mails von den Empfänger_Innen gelesen werden, als praktisches Feature für die Massen normalisieren.

(2) Mike Davidson, ehemals Vice President of Design bei Twitter, merkt zur Sache "Superhuman" an, dass Firmen frühzeitig aktiv darüber nachdenken müssen, welche Art Firma sie sein wollen, und dass auch vermeintlich kleine Entscheidungen ein emergentes "ethical trajectory" eines Unternehmens ergeben, das entlang des weiteren Weges selbstverstärkenden Dynamiken unterworfen ist: https://mikeindustries.com/blog/archive/2019/06/superhuman-is-spying-on-you


Full Disclosure:

Wir arbeiten an diesen Fragestellungen im Rahmen des geförderten Forschungsprojektes "COMPASS" der FFG für die Universität Wien: https://projekte.ffg.at/projekt/3044968 . Mit Einverständnis der Teilnehmer_Innen würden wir über Ergebnisse des Workshops in anonymisierter, zusammengefasster Form publizieren.